Das Biest

Eine wenig charmante Bezeichnung für das kleine, englische Auto, um das sich dieser Blog dreht. Aber trotzdem irgendwie passend, denn erstens habe ich schon viel unter, um und über diesen Wagen geflucht, und zweitens endet seine Fahrgestellnummer bezeichnenderweise auf „666“ – the number of the beast! Bleiben wir also dabei. Ich fürchte nämlich, dass ich in den kommenden Monaten und Jahren noch deutlich mehr Grund haben werde über das Biest zu fluchen.

Das Biest, ein MGB Open Tourer, begann sein Leben irgendwann in den frühen Monaten des Jahres 1975 in Abingdon, England. Ein amerikanischer Staatsbürger hatte sich ein sportliches Fahrzeug britscher Provenienz gewünscht und Das Biest geordert. Die genauen Geburtsumstände bedürfen noch einer genauen Klärung mittels BMIHT-Hertiage Zertifikats.

Sicher ist für mich eigentlich nur, dass für den Kleine irgendwann die Wüste von Arizona zur Heimat wurde. Dort habe ich ihn nämlich während eines längeren Aufenthaltes aufgetrieben. Dabei habe ich nicht mal großartig nach einem B gesucht, ich wollte zuerst einfach nur ein Auto um in den USA von A nach B zu kommen, dass in diesem Land, gemessen an europäischen Verhältnissen, immer irgendwie verdammt weit weg ist. „Zuerst“, weil mir ziemlich schnell klar wurde, dass hier eine Gelegenheit lauert, die es zu ergreifen gilt. Schließlich stand mir der Sinn schon immer nach einem britischen Klassiker vom Schlage Triumph GT6.

Allerdings sollten sich die damals in und um Phoenix angeboten Exemplare des „Poor Man’s E-Type“ sehr schnell als marode Grotten heraus stellen. Merke: Wenn der Amerikanerich in einer Verkaufsanzeige „Needs a little TLC“ schreibt, dann heißt das „Der Hobel ist Kernschrott und wird dich in den finanziellen und seelischen Ruin treiben, wenn er dich vorher nicht umbringt“.

So erweiterte ich mein Suchspektrum und stieß auf eine Anzeige für einen weißen MGB, Baujahr 1975 in Glendale, AZ. Ein „good runner“ sollte er sein, auf „super performance wide tires“. Vor Ort entpuppten sich letztere als 205er Winterreifen – warum man so was in der Wüstenhitze von Arizona braucht, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Der Rest des britischen Immigranten war, nach meinem damaligen Empfinden, dem Preis angemessen. Gut, das Interieur war hinüber, das Dach ein Schatten seiner selbst und die schwarz-goldenen Rostyles eine Geschmacksfrage. Der Eigentümer (den ich übrigens während dem Verfassen dieser Zeilen wieder ausfindig gemacht habe) und ich wurden uns handelseinig – sehr zum Missfallen seiner beiden kleinen Töchter. Die verabschiedeten das Biest nämlich mit vier weinenden Augen.

Die nächsten sechs Monate trug mich das Biest quer durch Maricopa County, ich spendierte ihm ein neues Dach, eine neue Lichtmaschine, den ein oder anderen dringend benötigten Ölwechsel und, bei der Gelegenheit, einen Ölkühler. Als die Rückreise nach Deutschland anstand, wurde das Biest auf einen Transporter geladen und machte sich ebenfalls auf die Reise nach good old Europe. Wenn auch langsamer.

Sechs Wochen später habe ich den Kleinen in Bremerhaven wieder in Empfang genommen. Fast wäre es nicht dazu gekommen, denn während seiner Reise hatte sich im inneren des B die Batterie unglücklich verschoben. Die positive Polklemme trat in direkten Kontakt mit der Karosse und fürderhin verband sie eine innige Freundschaft. Nur der Umstand, dass eben diese Polklemme durch die Hitze des Kurzschlusses in der Mitte einfach dahinschmolz verhinderte, dass das Biest in einem feurigen Inferno endete. Mit neuer Polklemme und einem seltsamen Gefühl im Bauch machte ich mich mit dem Wagen auf den Weg gen Süden. Ohne Probleme rollte der Kleine seiner neuen, bayrischen Heimat entgegen.

Das ist nun, im Jahre 2014, schon über 15 Jahre her. Seitdem ist viel passiert. Vor allem der dringend nötige Tausch der Bodenbleche ist mir deutlich in Erinnerung geblieben, ebenso wie das Karosserieteil zwischen linkem Schweller und hinterem Radhaus. Das lag noch Jahre in einer Vitrine in meiner Wohnung, ein Kunstwerk der Spachtelei. Satte 850 Gramm hat das Stück auf die Waage gebracht.
Kenner wissen spätestens jetzt: die Schweller waren also auch marode. Kurz: ja. Schweller und Bodenbleche sind gemacht worden. Der Zentih-Stromberg Vergaser der US-Gummiboote gehört mittlerweile ebenso der Vergangenheit an wie die verschlissene Inneneinrichtung.

MGB Innen

Heute, am 28.3.2014, steht das Biest für sein Alter ganz gut da. Zumindest Blechmäßig. Der Kleine ist entgummit, auf Chrom Niveau herabgelassen und an der Vorderachse stabilisiert. Zwei SU HIF4 kümmern sich um die Gemischzubereitung der vier Brennkammern, dass mit Hilfe von Lumenition in Vortrieb umgewandelt wird.

2014-03-22 11.54.18

 

Natürlich könnte ich mich mit dem Ist-Zustand zufrieden geben. Der Kleine läuft gut, macht Spaß und wirkt rundum zufrieden. Fast. Es knackt ab und zu in den alten Knochen…ja, OK, es knackt dauernd. Dazu ist der Unterbodenschutz weitestgehend noch ein originales, britisches Qualitätsprodukt aus der Leyland-Ära und, durch die Wüstensonne, mindestens so trocken wie Shortbread. Nur nicht so leicht zu entfernen. Die Kolben haben, soweit ich weiß, seit ihrer Montage im Werk kein Tageslicht mehr gesehen und was sich über die Jahre in den Kanälen und Gängen des Motorblocks so alles angesammelt hat will ich gar nicht wissen…
Das war gelogen. Ich will es wissen. Alles. Jedes noch so dreckige, kleine Geheimnis. Dazu gibt es nur einen Weg: das Biest muss zerlegt werden.

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