An der Frontlinie.

An der Frontlinie.

Manchmal ist mein Job echt hart. Lange Arbeitszeiten, dürftige Bezahlung und fragwürdige Verpflegung.

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Aber gleichzeitig ermöglicht mir mein Arbeitgeber aber auch echt tolle Sachen. MG fahren zum Beispiel. Einen ganz speziellen MG.

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Ganz recht. Der Frontline Abingdon Edition. Was. für. eine. geile. Karre.

Über den Namen „Frontline“ stolpert wohl früher oder später jeder, der sich irgendwie mit dem MGB näher beschäftigt. Dahinter stecken „Tiny Tim“ Tim Fenna und „Big Ed“ Ed Braclik. Ersterer ist der Mann für die Technik und ein sehr netter, zurückhaltender Typ, dessen Augen sofort zu leuchten anfangen, wenn er über „seine“ Schätze reden darf. Letzterer ist der Kaufmann in dem Duo – der aber mindestens ebenso viel Leidenschaft für das Profukt in sich trägt wie Tim…oder überhaupt einer der Jungs, die in der kleinen Werkstatt in Steventon bei Abingdon arbeiten.

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Diese Leidenschaft zeigt sich am besten im direkten Kontakt mit dem Abingdon. Alleine €2.000.- fließen alleine in die Dämmung der Karosserie mittels DynaMat. Leder und Teppiche sind auf Bentley-Niveau verarbeitet und an jeder Ecke findet man kleine Detaillösungen.

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So wird der Batteriekasten kurzerhand zugeschweißt und so Raum für einen Subwoofer geschaffen. Die Servolenkung von EZPowerSteering ist komplett in die Lenksäule integriert und lässt sich mittels eines kleinen Drehknopfes in der Unterstützung regulieren – oder ganz abschalten. Die Sitze liegen 3cm tiefer als im Serien-B, dadurch sitzt der obere Windschutzscheibenrahmen nicht mehr so deutlich im Blickfeld. An der Karosserie selbst sind die Keder auf den hinteren Kotflügeln und vor der Windschutzscheibe entfernt, ebenso wie die Stoßstangenhörner, die Rückfahrscheinwerfer oder die Kennzeichenbeleuchtung. Statt derer sitzen auf den Schrauben, mit denen das Kennzeichen montiert wurde, kleine LEDs. Und hinter den Sitzen, auf der Ablage, findet sich ein kleiner Kasten für Regenschirme, Mützen, Altoids oder was auch immer.

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Besonders angetan haben es mir aber die Gurte. Ich weiß nicht, aus welchem Kampfflieger die Frontline-Jungs die Dinger gemopst haben, aber sie passen in ihrer grobschlächtigen Anmutung wunderbar ins ansonsten feine Interieur.

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Dash und Binnacle sind penibel mit Alcantara überzogen und nicht mal die Schalter für die elektrischen Fensterheber fallen großartig auf. Einzig das Radio will nicht so ganz passen; es wirkt billig, irgendwie Fernost. Es ist aber derzeit die einzige Variante eines Retroradios mit moderner Technik, nach dem das wunderschöne Becker Mexico nicht mehr produziert und zu absoluten Mondpreisen gehandelt wird.

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Das unterm Blech die ganzen Fahrwerks-Goodies von Frontline stecken ist selbstverständlich. Und der 2.5l Mazda Motor unter der Haube ist auch kein Geheimnis mehr. Das alles macht den Frontline Abingdon Edition zu einem RestoMod vom feinsten. Aber: er ist immer noch ein richtiger MGB. Das wird einem sofort klar beim Start des japanischen Triebwerks. Denn selbst wenn das aus dem Land des Lächelns kommt, klingt es verdammt nach dem alten Graugussblock, der normalerweise seinen Dienst im B versieht. Sound Engineering? Nein. Laut Ed hat die Auspuffanlage des Abingdon fast das die gleichen Rohrlängen und Kammervolumina wie eine Standart-B-Anlage – das Ding klingt einfach so. Zumindest im Leerlauf.

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Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht was ich eigentlich erwartet habe. Das Fahrgefühl eines Jaguar F-Type? Eines Alfa 4C? Eines Mercedes SL? Was immer es war, was ich auf den ersten Metern gefühlt habe, hatte ich nicht erwartet: der Abingdon klingt, fährt und fühlt sich an wie ein MGB! Ein guter, massiver MGB, bei dem nichts wackelt und (fast) nichts rappelt und …bis auf das Lenkrad, das im Leerlauf deutlich unschön vibiriert. Aber im Leerlauf fährt man ja nicht sondern freut sich über die völlig unauffällige Servolenkung, die einem vielleicht nicht ganz so ungefiltert vom Straßenzustand berichtet wie die normale B-Lenkung, aber der Unterschied ist minimal.

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Ja, das ist mein Finger oben links. Sorry.

Nicht mehr minimal ist der Unterschied wenn man den Motor in Bereiche dreht, wo einem normalen B-Series die Luft ausgeht…also, oberhalb von 4.000 Touren. Dann zeigt sich die Arbeit, die Frontline in den Motor gesteckt hat: ein komplett überarbeiteter Kopf, Carillo-Kolben und Pleuel, der komplette Kurbeltrieb feingewuchtet. So überarbeitet brüllt der Mazda-Motor metallisch-blechern seine Lebensäußerungen in die Umwelt, als ginge es darum jedem im Umkreis von 20 Kilometern von seiner Präsenz zu berichten. Gleichzeitig schiebt der kleine B mit jeder Mehrumdrehung der Kurbelwelle noch motivierter nach vorne – Saugmotoren, einfach unfassbar geil.

Weil sich am Unterboden alles findet, was Frontline so an Fahrwerksmodifikationen zu bieten hat, und deswegen geht der Abingdon nicht nur geradeaus verdammt schnell, sondern auch ums Eck. Das liegt allerdings zu einem nicht unerheblichen Teil an dem Gewichtsvorteil: rund 900 Kilo schleppt der Frontline mit sich herum, trotz aller zusätzlich verbauten Teile und der umfangreichen Dämmung, und liegt so vom Leistungsgewicht auf dem Niveau eines aktuellen Porsche 911 Turbo. Interessant wäre es zu wissen, wie sich eine (weiter) gewichtsreduzierte Variante fahren würde, Abingdon RS, quasi. Das Fundament dafür liegt schon mal unter der Haube, der Motor wiegt nämlich gerade 96 Kilo, der Zwoliter gar nur 86.

Bleibt die Frage: wenn sich der Wagen anfühlt wie ein B, fährt wie ein B, klingt wie ein B – warum die fast 120.000 Euro für das Ding nach Steventon tragen? Dafür gibts schließlich auch einen Haufen „normaler“ MGBs in gutem Zustand. Aber wenn man so rechnet, dann hat man den Abingdon nicht verstanden. Die Frage sollte eher lauten: Warum nicht gleich einen Porsche 911 Carrera S Cabrio, der kostet fast genauso viel. Und diese Frage stellt man sich nicht mehr, wenn man den Frontline mal in Persona gesehen und gefahren hat.

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